6.MAERZ
2026

Am 6. März 2026 (Ghanas Unabhängigkeitstag) flieg Oliver Dapperen gemeinsam mit seiner Freundin Celine aus Amsterdam nach Accra. Das Datum markierte für ihn den Beginn einer Reise, auf der er Vorbereitungen für seine Bachelorarbeit treffen möchte.
Da Oliver in seiner freien Zeit fotografiert, nahm er seine Kamera mit und hielt fest, was ihm im Alltag der Stadt begegnete, ohne Inszenierung und ohne festen Plan.

Oliver & Olfert:
Unser fiktiver Oliver Dapperen ist an Olfert Dapper angelehnt, einen Amsterdamer Arzt und Gelehrten, der 1668 mit seiner „Naukeurige Beschrijvinge der Afrikaensche Gewesten“ eine der umfangreichsten europäischen Beschreibungen Afrikas veröffentlichte. Dapper selbst hat Afrika jedoch nie betreten. Sein Werk entstand aus Berichten von Händlern, Seefahrern und Gesandten, die er sammelte, ordnete und zu einem Gesamtbild zusammenfügte.
Genau darin liegt sowohl die Bedeutung als auch die Problematik seines Werkes. Das Wissen über Afrika wurde mehrfach vermittelt und durch die Perspektiven, Interessen und Vorstellungen anderer geprägt. Dappers Beschreibung trug damit auch zur Entstehung eines europäischen Afrikabildes bei, das sich über Jahrhunderte verfestigte und bis heute nachwirkt. Diese Verbindung zwischen dem Beschreiben Afrikas und dem tatsächlichen Bild, das dadurch entsteht, ist ein zentraler Grund für mein Interesse an diesem Thema.
Gleichzeitig gehören solche Werke zu den wenigen erhaltenen europäischen Zeugnissen über Orte wie Benin City, deren Strukturen später weitgehend zerstört wurden. Im Fall von Benin City geschah dies 1897 durch eine britische Strafexpedition. Unser Wissen über die Stadt stammt deshalb zu einem großen Teil aus solchen Außensichten.
Neben Dapper dienen für diese Arbeit zwei weitere Beschreiber als Bezugspunkte: der anonyme Verfasser D. R., dessen Bericht über Benin zu Beginn des 17. Jahrhunderts erschien, und der Händler Cyril Punch, einer der letzten Europäer, die die Stadt vor ihrer Zerstörung beschrieben haben. Auf Punch verweist auch Olivers Begleiterin Celine.
Oliver steht in dieser Tradition, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Anders als Dapper ist er tatsächlich vor Ort, und trotzdem bleibt auch sein Blick der eines Besuchers. Seine Notizen sind ehrlich, aber unvollständig. Er staunt, vergleicht das Gesehene mit dem, was er aus Europa kennt, und versteht nicht immer, was hinter dem Beobachteten liegt. Diese Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit ist bewusst gesetzt. Sie erinnert daran, dass jede Beschreibung eines Ortes auch etwas über denjenigen erzählt, der ihn beschreibt.
Die Bilder zeigen ein Accra, das sich unabhängig von kolonialen Einflüssen entwickelt hat. Es ist weder eine ferne Zukunft noch eine verklärte Vergangenheit, sondern eine Gegenwart, die für die Menschen dieser Stadt selbstverständlich ist. Nichts wirkt futuristisch oder künstlich: keine schwebenden Gebäude, keine leuchtenden Hologramme. Stattdessen entsteht der Eindruck einer Stadt, die sich über Generationen aus eigenem Wissen, eigenen Materialien und eigenen Traditionen heraus entwickelt hat.
Viele Details greifen dabei Strukturen auf, die es in Accra heute tatsächlich gibt, etwa das Trotro, die Kente-Weberei oder die Silhouette des Kwame-Nkrumah-Mausoleums. Sie werden weitergedacht, als hätte es den historischen Bruch durch die Kolonialzeit nie gegeben.
Jedes Bild trägt einen Ananse-Code. Über die dazugehörige Website lassen sich Olivers Beobachtungen sowie die Hintergründe und Herleitungen des jeweils Gezeigten abrufen. So treffen in jedem Motiv zwei Ebenen aufeinander: das, was ein Fremder wahrnimmt, und das, was tatsächlich dahintersteht.
Der Kanon:
Was in Olivers Bildern beiläufig erscheint, folgt einem durchdachten Kanon. Jede gestalterische Entscheidung hat eine konkrete Herleitung und folgt der Frage, wie sich diese Welt aus den Bedingungen, dem Wissen und den Traditionen der Region hätte entwickeln können.
Die Stadt ist nach der Logik des Compounds aufgebaut: Mehrere eigenständige Baukörper gruppieren sich um eine gemeinsame Mitte. Dieses Prinzip wiederholt sich auf verschiedenen Maßstäben, vom einzelnen Wohnhaus über den Häuserblock bis hin zur gesamten Stadt, in deren Zentrum der Königspalast steht. Diese wiederkehrende Ordnung ist der fraktalen Struktur des historischen Benin City entlehnt, wie sie in frühen Reiseberichten beschrieben wird. Darüber hinaus findet sich die Compound-Logik in sehr vielen verschiedenen afrikanischen Historien wieder, wie zum Beispiel der Zulus.
Gebaut wird mit Latcrete, einer Mischung aus Laterit und einem geringen Anteil Zement, die das Material aus der Erde der Region selbst zum Ausgangspunkt nimmt. Die Bauweise orientiert sich dabei unter anderem an der Architektur des nigerianischen Architekten Demas Nwoko. Rippenartige Vorsprünge verschatten die Fassaden, nach innen geneigte Dächer leiten Regenwasser in die Höfe, wo es Beete bewässert und Speicher füllt. Hauchdünn vergoldetes Glas schützt die Wohnräume vor der Hitze. Gold ist hier deshalb nicht nur Schmuck oder Prestige, sondern Teil der Bautechnik.
Über Straßen, Höfen und Plätzen spannen sich energiegewinnende Netze aus Perowskit-Fasern. Ihre Form verbindet verschiedene regionale Traditionen: die Ananse-Mythologie und das Spinnennetz, die Fischreusen der Wagenia-Fischer am Kongo und die Webkunst der Kente-Tradition. Je nach Maschendichte erfüllen die Netze unterschiedliche Funktionen. Über Einkaufsstraßen spenden sie vor allem Schatten, während sie über Innenhöfen und öffentlichen Gebäuden dicht genug gespannt sind, um Energie für ganze Häuser zu erzeugen.
Auch der Verkehr folgt dieser Logik. Kanal-Trotros, große bemalte Boote, verbinden die Stadt über ihre Wasserwege. Sie werden wie Lebewesen gepflegt und mit nährstoffreichen Pasten versorgt. Für kurze Strecken gibt es offene Wagen, die ohne Oberleitungen über eine im Boden liegende Spur fahren und so den Himmel frei lassen. Die Bahn übernimmt die weiten Distanzen.
Auch die Beschriftungen folgen einer bewussten Hierarchie. Ziele und Hinweise stehen zunächst groß in einheimischen Schriften, etwa in Ajami für Ziele im Norden. Die lateinische Schrift erscheint nur klein darüber, als Zugeständnis an den internationalen Handel.
Die Kleidung verzichtet bewusst auf Wax-Prints, die heute häufig als typisch afrikanisch wahrgenommen werden, obwohl ihre Geschichte eng mit kolonialen Handelsstrukturen verbunden ist. Stattdessen entwickelt sich die Kleidung aus lokalen Textiltraditionen und eigenen Formen weiter. Bezahlt wird mit der goldenen Afro-Währung oder digital, mit Karte oder Apple Pay.
Im Königspalast laufen schließlich viele dieser Ideen zusammen. Auch er ist aus Latcrete gebaut. Sein Erdgeschoss besitzt keine schließbaren Türen und steht allen offen. Durch einen gläsernen Boden blickt man auf die darunterliegende Goldraffinerie. Der König regiert von hier aus gemeinsam mit seinem Rat und wird demokratisch gewählt.
Alle diese Entscheidungen mussten sich an derselben Frage messen lassen: Könnte etwas tatsächlich aus den Bedingungen, dem Wissen und den Traditionen dieser Region heraus entstanden sein? Der Kanon soll deshalb nicht wie eine Sammlung futuristischer Ideen wirken. Er beschreibt eine Welt, die sich über Generationen entwickelt hat und deren Gegenwart selbstverständlich erscheint.
Genau darin liegt der Anspruch: Die Welt von Olivers Bildern soll sich nicht wie eine mögliche Zukunft oder eine fantastische Alternative anfühlen, sondern wie ein Ort, an dem man tatsächlich gewesen sein könnte.
Warum Ich? (Einordnung und Ausblick):
Dennoch stellt sich zu Recht die Frage: Wer gibt mir eigentlich das Recht, eine solche Geschichte zu entwerfen und darüber zu spekulieren, wie sich ein Kontinent ohne koloniale Eingriffe entwickelt hätte?
Dieses Projekt versteht sich deshalb ausdrücklich nicht als Vorschlag dafür, wie die Geschichte tatsächlich verlaufen wäre. Eine solche Antwort kann und soll es nicht geben. Vielmehr möchte die Arbeit einen Gedankenraum öffnen: Was wäre, wenn wir das heutige Afrika nicht ausgehend von den Folgen der Kolonialgeschichte betrachten, sondern uns vorstellen, dass diese Geschichte anders verlaufen wäre? Welche Städte, Technologien, Materialien, politischen Systeme und kulturellen Entwicklungen könnten daraus hervorgegangen sein?
Dabei ist die hier entwickelte Welt nur eine von unzähligen Möglichkeiten und keineswegs eine unumstrittene oder endgültige Lösung. Sie ist ein Versuch, eine andere Perspektive einzunehmen und dazu anzuregen, über die Bilder nachzudenken, die wir mit Afrika verbinden und wie stark diese Bilder von unserer eigenen Geschichte geprägt sind.
Die Möglichkeiten eines solchen Projekts sind nahezu unermesslich. Sie in einer Bachelorarbeit vollständig auszuarbeiten, ist kaum möglich, und noch weniger in einer einzelnen Bildungsserie. Der hier entwickelte Kanon kann deshalb nur einen Ausgangspunkt bilden. Eine Weiterführung könnte weit über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen: als umfassende visuelle Welt, als größere Publikation oder als eigenständiges Forschungs- und Gestaltungsprojekt.
Bis hierhin bleiben bewusst Fragen offen. Und genau dazu soll das Projekt einladen: Fragen zu stellen, Annahmen zu hinterfragen und sich auf die Möglichkeit einzulassen, Geschichte auch einmal aus einer anderen Perspektive zu denken.
(Für weitere inhaltliche Fragen bin ich immer zu haben)